Interviews
Interview mit Bob „Brass“ Sander – Der Saxophonist hinter dem Klang von Herb Grandl Project
Ein Gespräch über mehr als fünf Jahrzehnte Musik, die besondere Sprache des Jazz, große Bigbands, leise Töne und die Erkenntnis, dass man sich von der Bühne zurückziehen kann – aber niemals ganz von der Musik.
Conny: Bob, viele Menschen bei Magic Voice Music kennen dich nur unter deinem Spitznamen „Brass“. Wie ist dieser Name eigentlich entstanden?
Bob „Brass“ Sander: Der Name begleitet mich schon sehr lange. Er stammt noch aus meiner Zeit bei einer Bigband. Damals gab es mehrere Musiker mit demselben Vornamen, und irgendwann musste man uns irgendwie auseinanderhalten. Einer der Kollegen sagte während einer Probe: „Bob gehört doch sowieso zur Brass Section, also nennen wir ihn einfach Brass.“ Das blieb dann hängen. Eigentlich ist ein Saxophon streng genommen kein Blechblasinstrument, sondern gehört wegen des Holzblatts zu den Holzblasinstrumenten. Das wussten natürlich alle in der Band. Gerade deshalb fanden sie den Namen besonders lustig. Irgendwann wurde aus dem Scherz mein musikalischer Name. Wenn heute jemand „Brass“ ruft, weiß ich sofort, dass es um Musik geht.
Conny: Du bist heute 71 Jahre alt und spielst bereits seit deiner Jugend Saxophon. Weißt du noch, wie diese Leidenschaft begonnen hat?
Bob: Sehr genau. Ich war damals ungefähr vierzehn Jahre alt. In unserer Schule gab es eine kleine Musikgruppe, und eigentlich wollte ich zuerst Schlagzeug spielen. Das Schlagzeug war aber bereits vergeben. Ein Lehrer zeigte mir daraufhin ein altes Saxophon, das in einem alten Schrank lag. Es sah ziemlich mitgenommen aus, hatte einige Kratzer und roch ein wenig nach altem Leder, nach dem Schrank und nach Metall. Ich nahm es in die Hand und bekam zunächst kaum einen vernünftigen Ton heraus. Der erste Ton war eher ein lautes Quietschen, und alle im Raum mussten lachen. Ich auch. Aber irgendwann kam dieser erste, saubere, volle Ton. Ich erinnere mich noch heute daran.

Für andere war es nur ein Ton, für mich war es der Beginn einer langen Geschichte. Meiner Liebe zum Instrument und zur Musik.
Conny: Was hat dich damals musikalisch geprägt?
Bob: Ich habe sehr viel Radio gehört. Besonders fasziniert haben mich die großen Bigbands, aber auch Soul, Blues und später natürlich Jazz. Mich beeindruckte immer, wie ein Saxophon gleichzeitig weich, rau, traurig oder beinahe aggressiv klingen kann. Bei einer Trompete erkennt man oft sofort ihre Brillanz. Ein Saxophon ist anders. Es kann sich im Hintergrund verstecken, eine Stimme begleiten oder plötzlich nach vorne treten und einen ganzen Raum verändern. Diese Vielseitigkeit hat mich begeistert. Ich versuchte als Jugendlicher oft, Soli aus dem Radio nachzuspielen. Es gab damals keine Videos, bei denen man schnell nachsehen konnte, wie jemand einen bestimmten Lauf spielt. Man musste zuhören, zurückspulen, wieder zuhören und ausprobieren. Manchmal saß ich stundenlang bei derselben Stelle. Das war mühsam, aber es hat mein Gehör geschult.
Conny: Du hast später bei mehreren namhaften Bigbands gespielt. Wie bist du in diese Szene hineingekommen?
Bob: Das geschah Schritt für Schritt. Zuerst spielte ich in kleineren Formationen, bei Tanzveranstaltungen und in regionalen Orchestern. Damals gab es noch sehr viele Gelegenheiten, live zu spielen. Fast jedes Wochenende war irgendwo eine Veranstaltung. Irgendwann sprang ich kurzfristig für einen erkrankten Saxophonisten in einer größeren Bigband ein. Ich erhielt die Noten erst am Nachmittag und sollte am Abend bereits auf der Bühne sitzen. Das war eine ziemliche Herausforderung. Ich hatte große Angst, mich zu verspielen, denn neben mir saßen Musiker, die deutlich erfahrener waren als ich. Während des ersten Stücks war ich so angespannt, dass ich beinahe vergessen hatte zu atmen. Nach einigen Takten merkte ich jedoch, dass die anderen Musiker mich auffingen. Eine Bigband ist wie ein großes Schiff. Jeder hat seine Aufgabe, und wenn alle aufeinander hören, trägt einen der gemeinsame Klang.
Nach diesem Abend wurde ich öfter eingeladen. Daraus entstanden Kontakte zu verschiedenen bekannten Formationen. Ich durfte bei namhaften Bigbands mitspielen, manchmal als festes Mitglied für eine bestimmte Phase, manchmal als Ersatzmusiker. Diese Jahre waren musikalisch unglaublich lehrreich.
Conny: Was unterscheidet das Spielen in einer Bigband von einer kleineren Gruppe?
Bob: In einer kleinen Band hat jeder Musiker viel Raum. In einer Bigband muss man lernen, Teil eines großen Ganzen zu sein. Dort geht es um Präzision, Dynamik und Disziplin. Wenn fünf Saxophone dieselbe Linie spielen, darf keiner glauben, er müsse besonders hervorstechen. Man muss gemeinsam atmen und gemeinsam phrasierten. Gleichzeitig kann eine Bigband eine enorme Kraft entwickeln. Wenn die gesamte Brass Section einsetzt, der Bass darunter läuft und das Schlagzeug den Rhythmus trägt, ist das körperlich spürbar. Man sitzt mitten in einer Klangwolke. Ich habe dort gelernt, dass musikalische Größe nicht darin besteht, besonders viele Töne zu spielen. Manchmal besteht sie darin, exakt im richtigen Moment zurückzutreten, also NICHT zu spielen.
Conny: Gab es einen Auftritt aus dieser Zeit, an den du dich besonders erinnerst?

Bob: Ja, es gab einen Abend in einem großen Saal, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Vor dem Auftritt herrschte draußen ein heftiges Gewitter. Der Strom fiel kurz aus, und niemand wusste, ob das Konzert stattfinden konnte. Wir saßen hinter der Bühne, das Licht war schwach, und einer der Musiker begann plötzlich, ganz leise eine Melodie zu spielen. Nach und nach stiegen andere ein. Ohne Verstärkung, ohne Mikrofone, einfach nur akustisch. Wir spielten vielleicht zehn Minuten lang für uns selbst. Als der Strom wieder da war und das Konzert begann, war die Band ungewöhnlich konzentriert. Es war, als hätten uns diese wenigen Minuten miteinander verbunden. An diesem Abend spielten wir besser als bei vielen perfekten Proben zuvor.
Das hat mir gezeigt, dass Musik nicht von Technik abhängt. Technik hilft, aber die eigentliche Musik entsteht zwischen den Menschen.
Conny: Du bist der Onkel von Kyra Vance. Welche Rolle spielte Musik in eurer Familie?
Bob: Musik war immer vorhanden, aber nicht in dem Sinn, dass jeder professionell musizieren musste. Kyra kannte mich natürlich als den Onkel, der ständig mit einem Saxophonkoffer unterwegs war oder bei Familienfeiern irgendwann ein Instrument auspackte. Ich erinnere mich an eine Feier, bei der Kyra noch ziemlich jung war. Irgendjemand bat mich, etwas zu spielen. Ich spielte eine ruhige Melodie, und plötzlich begann Kyra ganz leise mitzusingen. Sie wollte damals gar nicht im Mittelpunkt stehen. Sie stand eher am Rand des Raumes. Aber ich hörte sofort, dass ihre Stimme etwas Besonderes hatte.
Später ging sie ihren eigenen musikalischen Weg. Ich habe mich nie aufgedrängt oder ihr gesagt, was sie tun sollte. Musik muss freiwillig entstehen. Aber ich habe ihre Entwicklung natürlich mit Interesse verfolgt.
Conny: War es dann Kyra, die dich zu Magic Voice Music brachte?
Bob: Ja. Sie erzählte mir immer wieder von den Produktionen, von Harry und von der Arbeitsweise bei Magic Voice Music. Anfangs hörte ich eher aus familiärem Interesse zu. Ich hatte mich zu dieser Zeit bereits weitgehend aus der aktiven Musik zurückgezogen. Eines Tages schickte sie mir einen Song und sagte: „Hör dir bitte den Mittelteil an. Da fehlt etwas.“ Ich hörte ihn mir an und sagte ziemlich spontan: „Da fehlt kein weiteres Keyboard. Da fehlt ein Saxophon, das nicht zu viel spielt.“ Kurz darauf fragte sie, ob ich nicht einfach eine Idee aufnehmen könnte. Ich sagte zunächst: „Nur eine kleine Spur, mehr nicht.“ Aus dieser kleinen Spur wurden mehrere Aufnahmen, danach erste Vorschläge zu Harmonien und schließlich auch Arrangements.
So geschieht es oft in der Musik. Man nimmt sich vor, nur kurz auszuhelfen, und plötzlich ist man wieder mitten in einem Projekt.
Conny: Wie war dein erster Eindruck von Magic Voice Music?
Bob: Ich war zunächst sehr vorsichtig. Ich habe in meinem Leben viele Bands und Projekte erlebt. Manchmal beginnen alle mit großer Begeisterung, aber nach wenigen Monaten entstehen Konflikte, weil jeder etwas anderes möchte. Bei Magic Voice Music fiel mir auf, dass wirklich über den Song gesprochen wird. Nicht darüber, wer den längsten Part bekommt oder wer im Vordergrund steht. Die Frage lautet meistens: Was braucht das Stück? Kyra erzählte mir, dass es auch bei Magic Voice irgendwann so begonnen hatte. Wer ist der wichtigere, wer bekommt welchen Part und wie umfangreich? usw. Nachdem diese Personen gespürt haben, dass sie hier am verkehrten Platz waren, sind sie gegangen.
Alleine die Frage: „Was braucht der Song noch?“ Das gefällt mir persönlich sehr gut. Ich muss nicht mehr beweisen, was ich kann. In meinem Alter interessiert mich nicht, wie viele Töne ich in ein Solo packen kann. Mich interessiert, ob ein Ton an der richtigen Stelle etwas auslöst. Außerdem kann ich mich einbringen, ohne wieder in einen klassischen Bandalltag zurückzukehren. Ich nehme meine Parts auf, bespreche Ideen und helfe dort, wo meine Erfahrung sinnvoll ist.
Conny: Warum hattest du dich überhaupt von der Musik zurückgezogen?
Bob: Nach so vielen Jahren verändert sich das Verhältnis zur Musik. Früher wollte ich spielen, reisen, auftreten und möglichst viele Erfahrungen sammeln. Später wurde mir der gesamte Betrieb manchmal zu anstrengend: lange Fahrten, späte Auftritte, endlose Proben und organisatorische Diskussionen.
Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich die Musik noch liebe, aber nicht mehr alles, was darum herum passiert. Deshalb zog ich mich zurück. Ich spielte nur noch für mich, manchmal zu Hause, manchmal mit alten Freunden. Es war kein dramatischer Abschied. Ich stellte das Saxophon nicht in eine Ecke und sagte: „Das war es.“ Es wurde einfach stiller. Durch Kyra und Magic Voice Music habe ich eine Form gefunden, wieder musikalisch aktiv zu sein, ohne in alte Strukturen zurück zu müssen. Das ist für mich ideal.
Conny: Du unterstützt Magic Voice Music nicht nur als Saxophonist, sondern auch bei Komposition und Arrangement. Was reizt dich daran?
Bob: Ein guter Saxophonpart beginnt lange vor dem ersten gespielten Ton. Man muss verstehen, was ein Song erzählen möchte. Ist das Saxophon eine zweite Stimme? Soll es eine Lücke füllen? Soll es widersprechen, beruhigen oder Energie bringen? Beim Arrangieren geht es genau darum. Man entscheidet nicht nur, was gespielt wird, sondern vor allem, was nicht gespielt wird. Ich höre mir einen Song oft mehrfach an, ohne das Saxophon überhaupt anzufassen. Beim ersten Hören achte ich auf die Stimmung. Beim zweiten auf Harmonie und Rhythmus. Beim dritten frage ich mich, ob das Saxophon wirklich notwendig ist. Manchmal sage ich auch: „Lasst den Song ohne Saxophon.“ Nur weil ich Saxophon spiele, muss nicht in jedem Stück eines vorkommen. Ein gutes Arrangement dient dem Song und nicht dem Musiker.
Conny: Du hast gesagt: „Jazz ist ganz anders.“ Was meinst du damit?
Bob: Jazz ist keine Musikrichtung, die man einfach durch ein bestimmtes Instrument erzeugt. Ein Saxophon macht aus einem Song noch keinen Jazz. Jazz beginnt in der Art, wie Musiker miteinander umgehen. Im Jazz hört man einander zu. Man reagiert. Eine kleine rhythmische Veränderung des Schlagzeugers kann dazu führen, dass der Saxophonist seine Phrase anders beendet. Der Bass kann einen Ton setzen, der die gesamte Harmonie für einen Moment verändert. Jazz verlangt Freiheit, aber diese Freiheit funktioniert nur, wenn man das Handwerk beherrscht. Man muss die Regeln kennen, bevor man sie sinnvoll verlassen kann. Das ist manchmal schwer zu erklären. Viele denken bei Jazz entweder an sehr komplizierte Musik oder an ruhige Hintergrundmusik. Dazwischen liegt aber eine riesige Welt: Swing, Soul-Jazz, Funk, Blues, Bebop, Fusion und vieles mehr.
Bei Magic Voice Music versuchen wir mit Herb Grandl Project nicht, akademischen Jazz zu produzieren. Es soll grooven, emotional bleiben und für die Menschen zugänglich sein. Aber die Harmonien und die musikalische Kommunikation müssen trotzdem stimmen.
Conny: Wie gehst du an ein Solo heran?
Bob: Früher wollte ich bei einem Solo oft zeigen, was ich technisch konnte. Heute frage ich mich: Was würde eine Stimme an dieser Stelle sagen? Ein gutes Solo sollte wie eine kleine Geschichte sein. Es braucht einen Anfang, eine Entwicklung und einen Abschluss. Wenn man gleich mit der höchsten Intensität beginnt, bleibt nichts mehr, wohin man sich steigern kann.
Ich spiele manchmal eine Aufnahme ein, höre sie an und lösche sie wieder, obwohl sie technisch gut war. Dann war sie vielleicht korrekt, aber sie hatte nichts zu sagen. Ein kleiner Fehler mit Gefühl kann wertvoller sein als eine perfekte Linie ohne Charakter. Natürlich sollte man nicht absichtlich falsch spielen. Aber Musik darf atmen. Sie darf menschlich sein.
Conny: Gibt es eine Geschichte aus den Aufnahmen bei Magic Voice Music beziehungsweise Herb Grandl Project, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Bob: Ja, einige. Bei einem Song hatte ich mehrere sehr saubere Saxophonspuren aufgenommen. Technisch war alles in Ordnung, aber ich war nicht zufrieden. Es klang zu kontrolliert. Spät am Abend wollte ich eigentlich schon aufhören. Ich ließ den Song noch einmal laufen, stellte mich etwas weiter vom Mikrofon weg und spielte die Passage ohne nachzudenken. Am Ende war ein Ton dabei, der leicht rau und beinahe gebrochen klang. Ich dachte zuerst, die Aufnahme sei unbrauchbar. Harry und Kyra sagten jedoch: „Genau dieser Ton bleibt drin.“ Und sie hatten recht. Dieser eine unperfekte Ton gab dem gesamten Part seine Emotion. Solche Momente erinnern mich daran, warum ich Musik mache. Nicht für Fehlerlosigkeit, sondern für Wahrhaftigkeit aus dem Inneren.
Conny: Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit jüngeren Musikerinnen und Musikern?
Bob: Sehr positiv. Natürlich haben sich die Arbeitsweisen verändert. Früher traf man sich im Proberaum, schrieb Notizen auf Papier und nahm auf Band auf. Heute werden Dateien verschickt, Spuren digital bearbeitet und Besprechungen online geführt. Aber die grundlegenden Fragen sind dieselben geblieben: Ist der Song gut? Ist die Emotion glaubwürdig? Hören die Musiker einander zu? Ich kann meine Erfahrung einbringen, lerne aber gleichzeitig viel über neue Produktionsmethoden. Das hält mich geistig beweglich. Ich möchte nicht der alte Musiker sein, der ständig sagt, früher sei alles besser gewesen. Früher war vieles anders, aber nicht automatisch besser. Heute gibt es Möglichkeiten, von denen wir damals nur träumen konnten. Entscheidend ist, wie man sie nutzt.
Conny: Mischst du dich als erfahrener Musiker stark ein?
Bob: Ich versuche, Vorschläge zu machen, keine Befehle. Erfahrung ist nur dann hilfreich, wenn sie anderen Raum lässt. Natürlich sage ich meine Meinung, manchmal auch sehr deutlich. Wenn eine Harmonie nicht funktioniert oder ein Arrangement überladen ist, spreche ich es an. Aber Musik ist keine Mathematikaufgabe mit nur einer richtigen Lösung. Gerade bei Kyra achte ich darauf, Onkel und musikalischer Kollege zu trennen. Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl hat, ich würde ihr erklären, wie sie singen soll. Sie hat ihre eigene Stimme und ihren eigenen Ausdruck. Ich kann Hinweise geben, aber die Interpretation gehört ihr.
Conny: Was schätzt du besonders an Kyras Stimme?
Bob: Kyra kann Kraft und Verletzlichkeit miteinander verbinden. Das ist selten. Viele Stimmen sind entweder sehr stark oder sehr emotional. Bei ihr kann beides gleichzeitig vorhanden sein. Ich höre natürlich auch die Entwicklung. Früher war sie oft vorsichtig und zurückhaltend, ja fast schon schüchtern. Heute traut sie sich mehr, eine Zeile nicht nur zu singen, sondern sie wirklich auch aus dem Gefühl heraus zu tragen. Gerade bei Rockproduktionen ist das wichtig. Lautstärke allein erzeugt keine Intensität. Als Onkel freut mich ihre Entwicklung. Als Musiker respektiere ich sie als fantastische Sängerin.
Conny: Ist es für dich etwas Besonderes, innerhalb eines Projekts mit deiner Nichte zu arbeiten?
Bob: Natürlich. Aber während der Arbeit denke ich nicht ständig daran, dass sie meine Nichte ist. Dann ist sie die Sängerin und ich bin der Saxophonist oder Arrangeur. Manchmal gibt es aber kleine Momente, in denen die familiäre Verbindung spürbar wird. Nach einer Aufnahme sagte sie einmal: „Du hast genau dort eingesetzt, wo ich Luft geholt habe.“ Das war nicht geplant. Wir hatten einfach dieselbe musikalische Empfindung.
Solche Dinge kann man nicht erzwingen. Vielleicht hilft es, dass man sich lange kennt. Vielleicht war es auch nur ein glücklicher Moment. Aber genau solche Momente machen Zusammenarbeit besonders.
Conny: Was ist für dich schwieriger: ein kraftvolles Solo oder eine leise Begleitung?
Bob: Ganz klar die leise Begleitung. Ein kraftvolles Solo kann Aufmerksamkeit erzeugen. Eine leise Begleitung muss wirken, ohne sich aufzudrängen. Manchmal spiele ich nur wenige Töne hinter einer Gesangslinie. Jeder dieser Töne muss sitzen. Er darf die Stimme nicht stören, aber er muss etwas hinzufügen. Das ist wie in einem Gespräch. Es ist leicht, selbst viel zu reden. Schwieriger ist es, genau im richtigen Moment einen Satz zu sagen, der dem anderen hilft.
Conny: Welche Rolle spielt der Blues in deinem Saxophonspiel?
Bob: Eine sehr große. Selbst wenn ich Jazz, Funk oder Soul spiele, ist der Blues fast immer irgendwo vorhanden. Er gibt dem Saxophon seine menschliche Sprache. Der Blues erzählt nicht nur von Traurigkeit. Er erzählt davon, dass man durch schwierige Zeiten geht und trotzdem weitermacht. Ein gebogener Ton, ein rauer Ansatz, eine kleine Pause, all das kann mehr sagen als eine komplizierte Tonfolge.
Ich glaube, deshalb berührt das Saxophon viele Menschen. Es kann klingen, als würde jemand sprechen, klagen, lachen oder sich erinnern.
Conny: Übst du mit 71 Jahren noch regelmäßig?
Bob: Ja, allerdings anders als früher. Als junger Musiker übte ich stundenlang Technik, Tonleitern und Geschwindigkeit. Heute achte ich stärker auf Klang, Atmung und Kontrolle. Das Alter verändert den Körper. Man muss ehrlicher mit sich umgehen und kann nicht so tun, als wäre man noch zwanzig. Aber musikalische Reife kann körperliche Grenzen teilweise ausgleichen. Ich spiele vielleicht weniger Töne als früher, aber ich denke länger über jeden Ton nach. Das ist kein schlechter Tausch.
Conny: Gibt es ein Saxophon, das dich schon besonders lange begleitet?
Bob: Ja, mein Tenorsaxophon begleitet mich seit vielen Jahrzehnten. Es hat Kratzer, viele Gebrauchsspuren und hat wahrscheinlich mehr Bühnen gesehen als manche jungen Musiker. Ein Instrument verändert sich mit dem Spieler. Man kennt irgendwann jede Eigenheit: welche Klappe etwas mehr Druck braucht, welcher Ton besonders schön anspricht und wann das Instrument eine Reinigung verlangt. Ich hatte immer wieder modernere Instrumente in der Hand, aber dieses Saxophon fühlt sich wie eine alte Stimme an. Man muss sich nicht mehr kennenlernen. Man beginnt einfach zu sprechen. Es ist als ob wir beide zusammengewachsen wären. Wie Siamesische Zwillinge.
Conny: Was möchtest du jüngeren Musikerinnen und Musikern mitgeben?
Bob: Zuerst: Lernt zuzuhören. Nicht nur euch selbst, sondern auch den anderen.
Zweitens: Verwechselt Technik nicht mit Ausdruck. Technik ist wichtig, weil sie einem Freiheit gibt. Aber sie ist ein Werkzeug, kein Inhalt.
Und drittens: Habt Geduld. Heute soll oft alles sehr schnell gehen. Ein paar Aufnahmen, ein Video, sofort veröffentlichen. Aber musikalische Persönlichkeit entsteht über Jahre.
Man muss Fehler machen, schlechte Auftritte erleben, an sich zweifeln und trotzdem weitermachen. Das klingt nicht besonders glamourös, aber genau daraus entsteht ein eigener Klang.
Conny: Vermisst du die große Bühne?
Bob: Manchmal vermisse ich weniger die Bühne als das gemeinsame Einatmen kurz vor dem ersten Ton. Diesen Moment, wenn alle Musiker bereit sind und noch niemand gespielt hat. Die Reisen, das Warten und das späte Heimkommen vermisse ich weniger. Ich habe meine Zeit auf der Bühne gehabt und bin dafür dankbar. Heute genieße ich es, in meinem kleinen Studio gezielt etwas beizutragen. Ich muss nicht mehr überall dabei sein. Es reicht mir, wenn meine Musik im richtigen Moment Teil eines guten Songs wird.
Conny: Könntest du dir dennoch einen einzelnen Live-Auftritt mit Herb Grandl Project vorstellen?
Bob: Nein, ich plane es nicht und auch mein Interesse daran ist nicht mehr gegeben. Mein Schwerpunkt liegt eindeutig auf Studioarbeit, Arrangement und Komposition. Ich brauche keine Rückkehr insLivegeschäft. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Rolle. Sie passt zu meinem Leben und zu meiner heutigen Sicht auf Musik. Ich kann sehr viel mit meinen Kompositionen beitragen. Oft arbeiten wir, Kyra, Harry und ich gemeinsam, da die speziellen Jazz Harmonien nur mir geläufig sind. Es macht große Freude mit den beiden und den anderen Im Team zu arbeiten. Oft fällt es mir nicht auf, dass sie alle keine Profimusiker sind.
Conny: Woran arbeitet ihr aktuell?
Bob: Wir haben gerade das Weihnachtsalbum von Herb Grandl Project fertig gestellt. Ich freue mich, dass alles so reibungslos verlaufen ist. Im Moment beschäftigen wir uns bei den neuen Songs von Harry besonders mit Produktionen, in denen Jazz, Funk und Soul stärker miteinander verbunden werden. Es soll letztendlich ein fast reines Soulalbum werden. Dabei geht es aber nicht darum, möglichst kompliziert zu klingen. Die Musik soll grooven und trotzdem harmonisch und interessant sein. Ich bringe Ideen für Bläsersätze, Saxophonlinien und Übergänge ein. Manchmal verändere ich nur zwei Akkorde, und plötzlich bekommt ein Refrain eine ganz andere Farbe.
Das ist das Faszinierende am Arrangement: Kleine Entscheidungen können große Wirkung haben.
Conny: Was ist Musik nach all den Jahren für dich?
Bob: Musik ist Erinnerung, Gegenwart und Gespräch zugleich. Ein bestimmter Ton kann mich an einen Saal erinnern, in dem ich vor vierzig Jahren gespielt habe. Gleichzeitig entsteht er genau jetzt. Und wenn jemand zuhört, beginnt ein Gespräch, obwohl wir vielleicht niemals miteinander sprechen werden. Früher dachte ich, Musik müsse beeindrucken. Heute glaube ich, sie muss ehrlich sein. Wenn sie ehrlich ist, findet sie ihren Platz.
Conny: Was bedeutet dir deine Arbeit bei Magic Voice Music?
Bob: Ich würde es niemals als Arbeit bezeichnen! Aber ich weiß was du damit meinst. Sie gibt mir die Möglichkeit, meine Erfahrung weiterzugeben, ohne in der Vergangenheit zu leben. Ich darf Teil “neuer Musik” sein und muss nicht versuchen, noch einmal der Musiker zu werden, der ich vor dreißig Jahren war. Ich kann so spielen, wie ich heute bin. Ruhiger, bewusster und vielleicht auch großzügiger und ich muss nicht jeden freien Raum füllen der sich gerade anbietet. Und ich schätze die Menschen mit denen ich arbeite sehr, auch wenn die meisten keine Profis sind oder waren. Die Musik ist wichtig, und das Miteinander entscheidet darüber, ob man gerne an ihr arbeitet.
Conny: Wenn du Herb Grandl Project einen musikalischen Rat geben dürftest, welcher wäre das?
Bob: Bewahrt euch alle die Neugier. Probiert Dinge aus, aber verliert dabei den Kern eines Songs nicht. Eine Produktion kann technisch perfekt und trotzdem leer sein. Sie kann aber auch an kleinen Stellen unvollkommen sein und dafür etwas Echtes transportieren. Und hört weiterhin aufeinander. Ein Team bleibt nur dann musikalisch lebendig, wenn jeder sprechen darf und jeder bereit ist zuzuhören.
Conny: Wie geht es für Bob „Brass“ Sander weiter?
Bob: Ohne großen Plan, aber mit offenen Ohren. Ich werde weiterhin Saxophon spielen, arrangieren und mich dort einbringen, wo ich etwas beitragen kann. Vielleicht schreibe ich noch ein paar weitere Stücke, vielleicht entsteht ein besonderes Solo, das heute noch niemand erwartet. Mit 71 muss man nicht mehr alles planen. Man darf auch neugierig darauf sein, was die Musik noch mit einem vorhat.
Conny: Bob, vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch.
Bob: Ich danke dir. Es war schön, einmal nicht nur Saxophon zu spielen, sondern auch über all die Jahre und Erfahrungen zu sprechen. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis:
Man kann sich von der Bühne zurückziehen, aber wenn Musik wirklich ein Teil von einem geworden ist, zieht sie sich niemals vollständig aus dem Leben zurück.
Dieses Interview wurde von Conny am 21.07.2026 per Teams geführt.