Interviews
KYRA VANCE – „DAS ALLES IST MEIN LEBEN“
Ein Interview über die Suche nach sich selbst, die Liebe zu Jazz, Disco und Blues und den Mut, endlich den eigenen Weg zu gehen. 14 Songs, davon vier in englischer Sprache. Mit ihrem ersten Soloalbum „Das alles ist mein Leben“ gewährt Kyra Vance einen ungewöhnlich persönlichen Einblick in ihre Gefühlswelt. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Pop, Jazz und atmosphärischer Barmusik. Nach ihren Jahren als Rocksängerin bei Gedankensturm und anderen Rockbands hat Kyra inzwischen eine neue musikalische Heimat gefunden. Als Sängerin des Herb Grandl Project hat sie bereits an drei Alben im Jazz-, Disco- und Blues-Bereich mitgewirkt. Eine Musikrichtung, die für sie längst mehr geworden ist als nur ein weiterer Stil.
Für ihr Soloalbum erhielt sie Unterstützung von zwei Menschen, die ihr besonders nahe stehen: Herb „Harry“ Grandl, der sie zum Schreiben ermutigte, ihre Texte mitgestaltete und drei eigene Songs beisteuerte, sowie ihrem Onkel, dem erfahrenen Saxophonisten und Arrangeur Bob „Brass“ Sander. Er übernahm das Arrangement sämtlicher 14 Titel und bereitete die Songs musikalisch für ihre Veröffentlichung vor.
Im Gespräch mit Conny erzählt Kyra über ihre Vergangenheit, musikalische Veränderungen, persönliche Zweifel und darüber, warum sie heute endlich sagen kann: Das alles ist mein Leben.
Conny: Kyra, dein erstes eigenes Soloalbum trägt den Titel „Das alles ist mein Leben“. Das klingt beinahe wie ein persönliches Bekenntnis. Was möchtest du damit ausdrücken?
Kyra: Es ist tatsächlich ein Bekenntnis. Vielleicht sogar das persönlichste, das ich bisher gemacht habe. Ich habe viele Jahre meines Lebens nach etwas gesucht, das ich selbst nicht beschreiben konnte. Ich wusste nicht, was mir fehlte, und trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass ich noch nicht wirklich angekommen war. Ich hatte meinen Beruf, meine Musik, meine Familie und Menschen, die mir wichtig waren. Eigentlich war alles vorhanden, was man für ein zufriedenes Leben braucht. Aber da war diese leise Stimme in mir, die immer wieder fragte: War das schon alles? Gibt es da nicht noch etwas, das wirklich zu dir gehört? Ich habe lange geglaubt, ich müsste etwas im Außen verändern. Vielleicht einen anderen Weg einschlagen oder etwas völlig Neues beginnen. Heute weiß ich, dass ich gar nicht nach einem anderen Leben gesucht habe. Ich habe nach einem Weg gesucht, mein eigenes Leben wirklich anzunehmen. Genau darum geht es in diesen vierzehn Songs.
Sie erzählen von meinen Hoffnungen, von Fehlern, von Menschen, die mich begleitet haben, von Enttäuschungen und von Augenblicken, die mich glücklich gemacht haben. Ich wollte nichts beschönigen. Denn wenn ich ehrlich bin, dann haben mich gerade die schwierigen Erfahrungen zu der Frau gemacht, die ich heute bin.
Conny: Du hast früher bei Gedankensturm gesungen. Heute bist du die Sängerin des Herb Grandl Project. Wie kam es zu diesem musikalischen Richtungswechsel?
Kyra: Das war eine Entwicklung, die sich über längere Zeit abgezeichnet hat. Ich habe Rockmusik immer geliebt. Sie hat mich über viele Jahre begleitet, und ich durfte bei Gedankensturm sehr viele Erfahrungen sammeln. Aber irgendwann merkte ich, dass ich musikalisch etwas anderes suchte. Nicht unbedingt etwas Ruhigeres, sondern etwas, das mir mehr Möglichkeiten gibt, mit meiner Stimme zu arbeiten. Als Harry begann, mit dem Herb Grandl Project verstärkt in Richtung Jazz, Funk, Disco, Soul und Blues zu gehen, war ich sofort begeistert.
Ich erinnere mich noch an die ersten Produktionen. Diese warmen Basslinien, die lebendigen Rhythmen, die Bläser, das Saxophon und die unglaubliche Dynamik dieser Musik. Plötzlich hatte ich das Gefühl, meine Stimme auf eine ganz neue Weise einsetzen zu können. Ich musste nicht mehr ständig gegen kraftvolle Gitarren ansingen. Ich konnte mit einer Melodie spielen, sie zurücknehmen, dann wieder kraftvoll werden und mit kleinen Nuancen unglaublich viel ausdrücken. Das hat mich fasziniert.
Irgendwann war klar, dass ich mich ganz auf diese musikalische Richtung konzentrieren möchte. Deshalb singe ich heute nicht mehr bei Gedankensturm. Das war kein Abschied im Streit und auch keine Entscheidung gegen die Rockmusik. Es war vielmehr eine Entscheidung für etwas, das sich für mich inzwischen vollkommen richtig anfühlt.
Conny: Mittlerweile sind mit dir als Sängerin bereits drei Alben des Herb Grandl Project entstanden. Was macht diese Musik für dich so besonders?
Kyra: Diese Musik lebt! Ich weiß, das klingt vielleicht etwas ungewöhnlich, aber genau so empfinde ich es. Jazz, Disco und Blues haben eine unglaubliche Ausdruckskraft. Da gibt es so viele kleine musikalische Feinheiten, die einen Song besonders machen. Ein Basslauf, der plötzlich eine andere Richtung nimmt. Eine Saxophonphrase, die auf den Gesang antwortet. Ein Schlagzeug, das nicht einfach nur den Rhythmus vorgibt, sondern mit der Musik spielt.
Und dann diese wunderbaren Möglichkeiten für die Stimme! Ich kann in einem Song sehr weich und beinahe zerbrechlich singen und im nächsten Moment eine kraftvolle, energiegeladene Passage übernehmen. Gerade die Disco- und Funkproduktionen machen mir unglaublich viel Freude. Diese Musik hat so eine positive Energie, die man kaum beschreiben kann. Manchmal stehe ich bei einer Aufnahme vor dem Mikrofon und merke, dass ich automatisch zu tanzen beginne. (lacht)
Beim Blues ist es wieder anders. Da kann ein einziger Ton eine ganze Geschichte erzählen. Nach drei gemeinsamen Alben weiß ich, dass diese Musikrichtung heute meine große Leidenschaft ist. Ich habe das Gefühl, musikalisch endlich dort angekommen zu sein, wo ich immer hinwollte, ohne es früher zu wissen.
Conny: Hat diese Veränderung auch etwas mit deinem ersten Soloalbum zu tun?
Kyra: Sehr viel sogar. Ohne die Erfahrungen beim Herb Grandl Project hätte ich mich wahrscheinlich niemals an dieses Album gewagt. Die Arbeit an den Alben hat mir gezeigt, dass ich mich nicht auf einen bestimmten Gesangsstil festlegen muss. Ich habe gelernt, viel bewusster mit meiner Stimme umzugehen. Früher dachte ich oft, dass eine starke Stimme vor allem laut und kraftvoll sein muss. Heute weiß ich, dass die wirkliche Stärke manchmal in den ganz leisen Tönen liegt. Bei meinem Soloalbum wollte ich diese Erfahrungen nutzen, aber gleichzeitig noch einen Schritt weitergehen. Die Songs sollten persönlicher werden. Nicht einfach nur gute Musik, sondern Musik, die etwas von mir erzählt.
Conny: Wann ist die Idee zu „Das alles ist mein Leben“ entstanden?
Kyra: Eigentlich hatte ich diese Idee schon sehr lange in mir, ohne sie als Albumidee zu erkennen. Ich habe über die Jahre immer wieder Gedanken aufgeschrieben. Kleine Geschichten, Erinnerungen, manchmal nur einzelne Sätze. Es waren Dinge, die mich beschäftigt haben. Manche Texte entstanden nach besonders schönen Erlebnissen. Andere in Momenten, in denen ich traurig, enttäuscht oder einfach nur nachdenklich war. Irgendwann begann ich, diese Aufzeichnungen wieder zu lesen. Und plötzlich fiel mir auf, dass sie alle etwas gemeinsam hatten. Sie handelten von meiner Suche.
Von der Suche nach Zufriedenheit, nach meinem Platz im Leben und vielleicht auch nach der Erkenntnis, dass man nicht ständig etwas Neues erreichen muss, um glücklich sein zu können. Ich begann, daraus erste Songtexte zu entwickeln. Aber ehrlich gesagt fehlte mir der Mut, wirklich weiterzumachen.
Conny: Und dann hast du mit Harry darüber gesprochen?
Kyra: Ja. Ich erzählte ihm, dass ich einige Texte geschrieben hatte und vielleicht irgendwann einmal ein paar eigene Songs aufnehmen möchte. Harry fragte mich, warum ich eigentlich nur von ein paar Songs spreche. Ich sagte: „Na ja, ein ganzes Album wäre schon etwas viel.“ Er wollte wissen, wie viele Texte ich bereits hatte. Als ich ihm davon erzählte, meinte er nur: „Dann machen wir eben ein Album daraus.“ So einfach war das für ihn. (lacht) Ich war völlig überrascht. Er sagte mir, dass er das Projekt gerne über Magic Voice Music veröffentlichen würde.
Und ich glaube, in diesem Moment wurde mir erst bewusst, dass aus meiner Idee tatsächlich etwas werden könnte. Für Harry war es offenbar selbstverständlich, mich dabei zu unterstützen. Für mich war es alles andere als selbstverständlich. Denn plötzlich war da jemand, der nicht nur meine Stimme schätzte, sondern auch meine eigenen Gedanken und Geschichten. Das hat mich sehr berührt.
Conny: Harry hat dich beim Schreiben unterstützt und drei eigene Texte beigesteuert. Wie habt ihr zusammengearbeitet?
Kyra: Sehr intensiv und manchmal auch ziemlich emotional. Ich bin keine professionelle Texterin. Ich kann meine Gedanken aufschreiben, aber daraus einen Song zu machen, der eine klare Aussage hat und musikalisch funktioniert, ist etwas anderes. Harry hat mir geholfen, die Texte zu strukturieren. Er hat oft Fragen gestellt, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Zum Beispiel: „Was möchtest du mit dieser Zeile wirklich sagen?“ Manchmal dachte ich, das wäre doch völlig klar. Aber wenn ich versuchte, es zu erklären, merkte ich plötzlich, dass ich selbst noch gar nicht genau wusste, worauf ich hinauswollte. Wir haben viel telefoniert und gezoomt.
Über das Leben, über Erwartungen, über Menschen und darüber, warum man manchmal Entscheidungen trifft, die man später nicht mehr versteht. Dabei sind einige Texte noch persönlicher geworden, als ich ursprünglich geplant hatte. Harry hat außerdem drei vollständige Texte für das Album geschrieben. Das Besondere daran ist, dass er Themen aufgegriffen hat, in denen ich mich sofort wiedererkannt habe. Es war beinahe so, als hätte er bestimmte Gedanken, die ich selbst nicht richtig formulieren konnte, in Worte gefasst. Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar.
Conny: Eine weitere wichtige Person bei diesem Album ist dein Onkel Bob „Brass“ Sander. Er hat alle vierzehn Songs arrangiert?
Kyra: Ja, und das war eine enorme Arbeit! Mein Onkel Bob ist 71 Jahre alt und hat einen unglaublichen musikalischen Erfahrungsschatz. Er spielt seit seiner Jugend Saxophon und hat bei namhaften Bigbands mitgewirkt. Für mich war er schon immer jemand, zu dem ich musikalisch aufgeschaut habe. Als Kind kannte ich ihn natürlich einfach als meinen Onkel Bob. Dass er ein hervorragender Musiker ist, habe ich erst mit zunehmendem Alter wirklich verstanden. Heute arbeiten wir bei Magic Voice Music zusammen, und das ist für mich etwas ganz Besonderes. Er hat sämtliche vierzehn Songs meines Albums arrangiert und musikalisch für die Veröffentlichung vorbereitet. Das bedeutet weit mehr, als einfach nur ein paar Instrumente hinzuzufügen. Er hat sich mit jedem einzelnen Song beschäftigt, mit der Stimmung, den Harmonien, den Übergängen und der Frage, wie meine Stimme am besten zur Geltung kommt.
Und er war dabei manchmal ziemlich streng. (lacht)
Conny: Streng? Das musst du uns genauer erzählen.
Kyra:
Oh ja! Mein Onkel kann sehr direkt sein. Wenn ihm etwas nicht gefällt, dann sagt er das auch. Ich erinnere mich an eine Aufnahme, bei der ich wirklich überzeugt war, dass sie hervorragend gelungen sei. Ich schickte sie ihm und wartete gespannt auf seine Reaktion. Seine Antwort war ungefähr: „Schön gesungen, Kyra. Aber ich glaube dir kein Wort.“ Ich war zuerst richtig beleidigt! (lacht). Ich fragte ihn, was er damit meine. Er erklärte mir, dass ich zwar technisch sauber gesungen hätte, aber die Emotion des Textes nicht wirklich zu hören sei. Er sagte: „Du singst gerade für ein Mikrofon. Stell dir vor, du sitzt einem Menschen gegenüber und erzählst ihm diese Geschichte.“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht.
Ich habe den Song noch einmal aufgenommen, diesmal viel ruhiger und ohne ständig darauf zu achten, besonders schön zu singen. Und tatsächlich war die zweite Aufnahme wesentlich besser. Seitdem denke ich oft an diesen Satz.
Conny: Was hast du durch die Zusammenarbeit mit Bob besonders gelernt?
Kyra: Dass Musik Raum braucht. Mein Onkel sagt immer, dass man nicht jede Lücke mit einem Ton füllen muss. Gerade beim Jazz ist das unglaublich wichtig. Früher war ich es gewohnt, eine Melodie möglichst kraftvoll und geschlossen zu singen. Bob hat mir gezeigt, wie viel Ausdruck in kleinen Pausen liegen kann. Er erklärt mir oft, warum eine bestimmte Harmonie eine bestimmte Stimmung erzeugt oder warum ein Saxophon erst nach einer Gesangszeile einsetzen sollte. Manchmal sitzen wir lange an einer einzigen Passage. Er verändert eine Kleinigkeit im Arrangement, und plötzlich bekommt der ganze Song eine andere Wirkung.
Das ist faszinierend.
Ich habe durch ihn sehr viel über musikalische Dynamik, Phrasierung und vor allem über das Zuhören gelernt. Und ich glaube, er freut sich auch darüber, dass ich inzwischen so viel Begeisterung für Jazz und Blues entwickelt habe.
Conny: Gibt es eine besondere Geschichte aus der gemeinsamen Arbeit?
Kyra: Ja, eine, über die wir heute noch lachen.
Bei einem Song hatte Bob eine wunderschöne, sehr zurückhaltende Begleitung arrangiert. Ich hörte mir die Aufnahme an und meinte, dass der Song vielleicht etwas mehr Energie vertragen könnte. Er fragte mich, was ich mir vorstelle. Ich sagte: „Vielleicht ein bisschen mehr Schlagzeug, etwas mehr Bass und am Ende noch ein kräftigeres Saxophon.“ Er sah mich an und meinte trocken: „Kyra, möchtest du eine Geschichte erzählen oder eine ganze Bigband durch dein Wohnzimmer jagen?“ Ich musste so lachen.
Dann spielte er mir zwei Versionen vor. Eine mit deutlich mehr Instrumenten und eine mit seinem ursprünglichen Arrangement. Und natürlich hatte er recht. Die zurückhaltende Version war viel emotionaler. Seitdem frage ich ihn manchmal scherzhaft, ob wir heute wieder die Bigband durchs Wohnzimmer jagen dürfen. (lacht)
Conny: Wie viel Einfluss hatte Bob auf den endgültigen Klang des Albums?
Kyra: Einen sehr großen. Ich hatte die Texte, die Melodien und meine Vorstellungen davon, wie die Songs wirken sollten. Harry brachte seine Erfahrung als Produzent und Komponist ein. Und Bob verstand es, diese Ideen musikalisch zusammenzuführen. Er hat sehr genau darauf geachtet, dass die vierzehn Songs trotz ihrer unterschiedlichen Stilrichtungen zusammenpassen. Denn wir haben Pop, Jazz, ruhigere Barjazz-Elemente und auch bluesige Einflüsse. Das ist gar nicht so einfach. Ein Album soll abwechslungsreich sein, aber trotzdem eine gemeinsame Handschrift haben.
Bob hat mit seinen Arrangements wesentlich dazu beigetragen. Besonders schön finde ich, dass er meine Stimme nicht einfach in eine fertige musikalische Umgebung hineingesetzt hat. Er hat die Musik um meine Stimme herum gestaltet. Das ist ein großer Unterschied.
Conny: Warum hast du dich für diese Mischung aus Pop, Jazz und Barmusik entschieden?
Kyra: Weil sie zu meinen Geschichten passt. Nicht jeder Text braucht einen großen musikalischen Höhepunkt. Manche Songs funktionieren am besten mit einem warmen Klavier, einem Kontrabass und einer sehr zurückhaltenden Begleitung. Andere dürfen durchaus rhythmischer und lebendiger sein.
Ich liebe inzwischen diese besondere Atmosphäre, die man aus guten Jazzbars kennt.
Gedämpftes Licht, ein kleiner Raum, ein Saxophon im Hintergrund und eine Sängerin, die nicht versucht, möglichst laut zu sein, sondern die Menschen mit ihrer Stimme erreicht. Diese Musik hat für mich etwas Zeitloses. Sie muss nicht jedem aktuellen Trend folgen. Und genau das gefällt mir.
Conny: Vier Songs sind auf Englisch. Warum?
Kyra: Weil manche Melodien und Gefühle in englischer Sprache einfach eine andere Wirkung bekommen. Gerade bei Jazz und Blues ist Englisch natürlich sehr vertraut. Aber wir wollten nicht einfach englische Songs aufnehmen, weil es internationaler klingt. Die Sprache musste zum jeweiligen Stück passen. Bei vier Songs hatte ich das Gefühl, dass sie auf Englisch besonders gut funktionieren.
Die übrigen zehn Titel sind auf Deutsch, weil ich meine persönlichen Geschichten bewusst in meiner eigenen Sprache erzählen wollte. Ich finde diese Mischung sehr schön. Sie zeigt auch die unterschiedlichen musikalischen Seiten des Albums.
Conny: Gibt es einen Song, bei dem du während der Aufnahme besonders emotional geworden bist?
Kyra: Ja. Es gibt einen Titel, der sich mit dem Gedanken beschäftigt, dass man manchmal sehr lange auf etwas wartet, das eigentlich längst in einem selbst vorhanden ist. Als ich den Text schrieb, dachte ich zunächst an meine musikalische Entwicklung. Aber während der Aufnahme kamen plötzlich viele andere Erinnerungen hoch. Menschen, denen ich gefallen wollte. Situationen, in denen ich meine eigenen Wünsche zurückgestellt habe. Und diese vielen kleinen Momente, in denen ich dachte, ich müsste erst noch etwas erreichen, um wirklich zufrieden sein zu können. Ich musste die Aufnahme unterbrechen.
Nicht, weil ich traurig war, sondern weil mir plötzlich bewusst wurde, wie viel Zeit ich damit verbracht hatte, nach etwas zu suchen. Und dann saß ich dort vor meinem Mikrofon und wusste: Vielleicht habe ich es inzwischen gefunden. Das war ein sehr intensiver Moment.
Conny: Hat dich die Arbeit an diesem Album auch persönlich verändert?
Kyra: Ja, auf jeden Fall. Ich habe gelernt, meine eigene Geschichte mit anderen Augen zu betrachten. Früher habe ich manche Entscheidungen bereut und mich gefragt, warum ich bestimmte Dinge zugelassen habe. Heute sehe ich vieles anders. Natürlich würde ich nicht behaupten, dass alles gut war. Es gab Enttäuschungen und schwierige Zeiten. Aber sie haben mich geprägt. Und vielleicht hätte ich ohne diese Erfahrungen niemals den Mut gefunden, ein so persönliches Album aufzunehmen.
Ich habe auch gelernt, dass ich nicht immer perfekt sein muss. Das war gerade beim Singen eine wichtige Erkenntnis. Mein Onkel sagt manchmal, dass ein technisch perfekter Ton noch lange kein berührender Ton sein muss. Ich glaube, das gilt auch für das Leben. Ein perfektes Leben wäre vielleicht schön. Aber ein echtes Leben hat Ecken und Kanten.
Conny: Du arbeitest weiterhin hauptberuflich als Buchhalterin. Wie bringst du das mit deiner Musik unter einen Hut?
Kyra: Manchmal gar nicht so einfach. (lacht) Mein Beruf verlangt viel Konzentration und Verantwortung. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause komme, bin ich natürlich nicht immer in der Stimmung, mich sofort vor das Mikrofon zu stellen. Aber die Musik ist inzwischen ein unglaublich wichtiger Ausgleich für mich. Gerade die Arbeit beim Herb Grandl Project macht mir sehr viel Freude. Diese lebendige Mischung aus Jazz, Disco, Funk und Blues gibt mir Energie. Bei meinem Soloalbum war es wieder etwas anders. Da musste ich oft erst innerlich zur Ruhe kommen.
Man kann einen sehr persönlichen Text nicht einfach zwischen zwei Terminen aufnehmen. Deshalb habe ich mir bewusst Zeit gelassen. Und Harry hat mich dabei immer unterstützt. Bei Magic Voice Music muss niemand auf Knopfdruck kreativ sein. Das schätze ich sehr.
Conny: Wie hat Harry auf die fertigen Songs reagiert?
Kyra: Ich glaube, er hat sich wirklich gefreut. Er kannte ja viele meiner Texte bereits aus der Entstehungsphase. Aber wenn ein Song fertig arrangiert ist und die endgültige Gesangsaufnahme dazu kommt, entsteht noch einmal etwas völlig Neues. Ich erinnere mich an einen Moment, als wir eine der fertigen Produktionen gemeinsam anhörten. Danach war es kurz still. Und Harry sagte sinngemäß: „Kyra, jetzt hört man endlich die Frau hinter der Stimme.“
Dieser Satz hat mich unglaublich berührt. Denn genau das wollte ich erreichen. Nicht einfach nur ein weiteres Album aufnehmen. Sondern etwas schaffen, in dem ich mich selbst wiederfinde.
Conny: Was bedeutet dir die Unterstützung von Harry und deinem Onkel Bob?
Kyra: Sehr viel. Und zwar auf unterschiedliche Weise. Harry hat mir den Mut gegeben, dieses Projekt überhaupt zu beginnen. Er hat an meine Idee geglaubt, mir beim Schreiben geholfen und mit Magic Voice Music die Möglichkeit geschaffen, das Album zu veröffentlichen.
Bob wiederum hat meine musikalischen Vorstellungen verstanden und ihnen mit seinen Arrangements eine Form gegeben. Er hat mir nicht nur musikalische Tipps gegeben, sondern mich auch immer wieder ermutigt, meiner Stimme zu vertrauen. Ich glaube, die beiden haben mir auf ihre ganz eigene Art geholfen, etwas zu entdecken, das schon lange in mir vorhanden war. Und dafür bin ich beiden unglaublich dankbar.
Conny: Ist „Das alles ist mein Leben“ für dich auch ein Abschied von deiner Vergangenheit als Rocksängerin?
Kyra: Nein, kein Abschied von meiner Vergangenheit. Sie gehört schließlich zu mir. Ich bin froh über die Jahre bei Gedankensturm und über die Erfahrungen, die ich davor in anderen Rockbands sammeln durfte. Aber ich habe mich musikalisch weiterentwickelt.
Heute fühle ich mich beim Herb Grandl Project zu Hause. Die Alben, die wir bisher gemeinsam produziert haben, bedeuten mir sehr viel. Und ich freue mich auf alles, was in dieser Richtung noch entstehen wird. Jazz, Disco, Soul und Blues sind inzwischen meine musikalische Lieblingswelt. Ich möchte diese Musik nicht mehr missen. Mein Soloalbum ist deshalb auch kein Versuch, mich von Magic Voice Music oder dem Herb Grandl Project zu lösen. Es ist eine persönliche Ergänzung zu dem, was ich dort mache.
Eine andere, sehr intime Seite von mir.
Conny: Könntest du dir vorstellen, irgendwann ein zweites Soloalbum aufzunehmen?
Kyra: Ja, durchaus. Aber darüber möchte ich im Moment noch gar nicht so viel nachdenken. Dieses erste Album war eine ganz besondere Erfahrung. Ich habe dabei so viel über mich selbst gelernt, dass ich das zunächst einmal genießen möchte. Und natürlich bleibt das Herb Grandl Project meine musikalische Heimat. Dort warten noch viele Ideen und Songs auf uns. Außerdem macht mir die Zusammenarbeit mit Harry, meinem Onkel Bob und den anderen Musikern einfach unglaublich viel Freude. Ich glaube, ich habe musikalisch noch lange nicht alles ausprobiert.
Conny: Wenn du heute auf die Kyra zurückblickst, die mit fünfzehn Jahren ihre ersten Gesangsversuche gemacht hat, was würdest du ihr sagen?
Kyra: Ich würde ihr sagen, dass sie sich nicht so viele Sorgen machen soll. Dass sie nicht jedem gefallen muss. Dass sie Fehler machen darf. Und dass sie irgendwann Menschen kennenlernen wird, die sie nicht verändern wollen, sondern ihr helfen, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken.
Ich würde ihr auch sagen, dass sie nicht ständig nach dem nächsten Ziel suchen muss. Denn manchmal erkennt man erst viel später, dass der Weg selbst das Wichtigste war. Und vielleicht würde ich ihr erzählen, dass sie eines Tages mit ihrem Onkel gemeinsam an einem eigenen Album arbeiten wird. Ich glaube, darüber würde sie ziemlich staunen. (lacht)
Conny: Was möchtest du den Menschen mit deinem Album mitgeben?
Kyra: Dass niemand ein perfektes Leben führen muss. Wir alle haben unsere Geschichten.
Wir haben Dinge erlebt, auf die wir stolz sind, und andere, über die wir vielleicht lieber schweigen würden. Wir haben Menschen geliebt, verloren, Fehler gemacht und manchmal Entscheidungen getroffen, die wir später nicht mehr verstehen. Aber all das gehört zu uns. Ich möchte mit meinen Songs niemandem erklären, wie er leben soll.
Ich möchte einfach erzählen, was ich auf meinem Weg gelernt habe. Und vielleicht hört jemand einen dieser Songs und denkt: Genau so habe ich mich auch schon gefühlt. Wenn das passiert, dann hat dieses Album für mich bereits sehr viel erreicht.
Conny: Eine letzte Frage, Kyra. Du hast zu Beginn unseres Gesprächs gesagt, dass du lange auf der Suche nach etwas warst, das du selbst nicht benennen konntest. Hast du es nun gefunden?
Kyra: (Sie lächelt und überlegt einen Moment.) Ja, ich glaube schon.
Und das Schöne daran ist, dass ich heute gar nicht mehr das Gefühl habe, ständig etwas suchen zu müssen. Ich bin angekommen. Nicht, weil jetzt plötzlich alles perfekt wäre. Mein Leben hat immer noch seine Herausforderungen, und es wird sicher auch in Zukunft schwierige Tage geben. Aber ich habe gelernt, mich selbst nicht ständig infrage zu stellen. Ich weiß heute besser, wer ich bin und was mir wichtig ist. Und musikalisch habe ich mit dem Herb Grandl Project etwas gefunden, das mich wirklich glücklich macht. Diese Musik gibt mir so unglaublich viel.
Wenn ich einen Jazzsong singe und Bob mit seinem Saxophon auf meine Stimme antwortet, dann gibt es manchmal Momente, in denen ich alles andere vergesse. Oder wenn wir einen energiegeladenen Disco-Funk-Song aufnehmen und ich merke, wie viel Lebensfreude darin steckt. Dann denke ich: Genau das ist es. Genau hier möchte ich sein. Und mit meinem Soloalbum konnte ich nun auch die Geschichten erzählen, die mich auf diesem Weg begleitet haben. (Kyra hält kurz inne.)
Weißt du, Conny, ich habe früher oft gedacht, dass ich irgendwann einmal sagen möchte: Jetzt beginnt mein richtiges Leben. Heute würde ich das nicht mehr sagen. Denn mein richtiges Leben hat längst begonnen. Es war immer da. Mit all seinen schönen und schwierigen Momenten. Und deshalb heißt dieses Album auch nicht „Mein neues Leben“. Es heißt „Das alles ist mein Leben“.
Weil ich heute nichts mehr davon missen möchte.
Conny: Kyra, vielen Dank für dieses sehr persönliche Gespräch. Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg mit deinem ersten Soloalbum.
Kyra: Danke, Conny.
Und ich möchte zum Abschluss noch etwas sagen. Harry, danke, dass du an mich geglaubt hast, als ich selbst noch gezweifelt habe. Danke für deine Unterstützung, deine Geduld und dafür, dass du mir mit Magic Voice Music die Möglichkeit gegeben hast, meine eigene Geschichte musikalisch zu erzählen.
Und Bob, danke für deine wunderbaren Arrangements, deine manchmal ziemlich direkten Worte und dafür, dass du mir gezeigt hast, wie viel Gefühl in einem einzigen Ton liegen kann.
Ihr beide habt einen großen Anteil daran, dass dieses Album entstanden ist. Und wenn ich heute die vierzehn fertigen Songs höre, dann bin ich nicht nur stolz. Ich bin vor allem glücklich. Denn zum ersten Mal höre ich nicht nur meine Stimme. Ich höre meine eigene Geschichte.
Über das Album
Kyra Vance – „Das alles ist mein Leben“
Das erste Soloalbum von Kyra Vance vereint 14 persönliche Songs, darunter vier englischsprachige Titel. Musikalisch bewegt sich die Produktion zwischen gefühlvollem Pop, Jazz, Blues-Einflüssen und eleganter Barmusik. Die Texte erzählen von Selbstfindung, Erinnerungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und dem Mut, den eigenen Lebensweg anzunehmen. Texte: Kyra Vance, mit textlicher Unterstützung durch Herb „Harry“ Grandl; drei weitere Texte stammen von Harry. Arrangement und musikalische Vorbereitung: Bob „Brass“ Sander. Label: Magic Voice Music.
Ein Album über das Leben, wie es wirklich ist. Nicht immer einfach, nicht immer geradlinig, aber voller Erfahrungen, die uns zu dem Menschen machen, der wir heute sind.